Dienstag, 22. März 2016

Der gemeinnützige König

Dirk Ahrens ist Lüneburgs 13. schwuler Heidekönig

Im wirklichen Leben ist Dirk Ahrens eine bescheidene, ruhige Person. Und doch trägt er mit Stolz und Würde den Titel des schwulen Heidekönigs.
Dass Dirk Ahrens einmal für das Amt des schwulen Heidekönigs kandidieren würde, wäre früher für ihn undenkbar gewesen. Der 48-Jährige, der schon in der Pubertät bemerkte, dass er eher den Jungs als den Mädchen nachschaute, hatte sein Coming-Out erst mit 30 Jahren. „Ich habe mich einfach nicht getraut, und damals gab es ja auch noch kein Internet“, erinnert sich der Lüneburger. Andererseits wisse er nicht, ob er heute überhaupt noch leben würde, wenn er zu den Anfangsjahren von Aids schon vernetzt gewesen wäre.
Bis zu seinem Coming-Out hatte Dirk Ahrens keine Beziehung – weder mit einer Frau, noch mit einem Mann. Er kennt einige Schwule, die, um den Schein zu wahren, geheiratet und sogar Kinder bekommen haben, aber das wollte er nie. Kontakte zu anderen Homosexuellen hatte er kaum, und selbst in Schwulenkneipen traute er sich nicht. „Heute würde man das Ganze anders angehen“, meint Dirk Ahrens.

Angst vor dem Outing

Er erinnert sich noch gut daran, welche Angst er vor der Reaktion seiner vier älteren Brüder hatte, wenn er sich outen würde. Nach dem Tod seines Vaters brachte er seiner Mutter bei, dass er schwul ist. Am Anfang sei es für seine Mutter ein großes Drama gewesen, meint er, doch heute bestreite sie das. Die größte Sorge seiner Mutter galt dem Gerede der Nachbarn. „Dann muss ich ja wegziehen“, habe sie gesagt. Heute steht die 76-Jährige voll hinter ihm – und ist sogar stolz darauf, einen schwulen Heidekönig als Sohn zu haben. Auch sie hat an seiner Wahl teilgenommen und ist schon bei Schwulen-Veranstaltungen in Lüneburg vorbeigekommen.
Die Angst vor der Reaktion seiner Brüder bestätigte sich nicht. „Meine Brüder haben es gut aufgenommen“, erzählt er. Seinen ersten Freund lernte er auf einer WoMan-Dance-Party im Vamos in Lüneburg kennen, einer Schwulenparty, die früher einmal monatlich stattfand. Als er ihn seiner Mutter vorstellte, war auch für sie längst wieder die Welt in Ordnung.
Sich in der Lüneburger Schwulenszene zu vernetzen, war durch die Partys im Vamos recht leicht. Und so vergrößerte auch Dirk Ahrens nach seinem Coming-Out schnell seinen Freundeskreis. „Über die Partys habe ich schnell neue Leute kennen gelernt. Das war damals viel interessanter. Heute sitzen alle vorm Computer und wundern sich, dass sie keine Leute mehr kennen lernen“, meint der 48-Jährige.
Dirk Ahrens ist nicht ohne Grund schwuler Heidekönig geworden. Auch wenn er den Mut zur Aufstellung nur durch eine Bierlaune fasste, war und ist ihm daran gelegen, die schwule Szene in Lüneburg wieder aufleben zu lassen und das in der Stadt schon offene Bewusstsein auch auf das Land zu übertragen. Er ist davon überzeugt, dass es noch viele schwule Männer auf den Dörfern gibt, die sich nicht trauen, sich zu outen.

Werbung für mehr Akzeptanz

Das Amt des schwulen Heidekönigs wurde im Jahr 2000 von der Initiative „hin und wech – Schwule lieben in Niedersachsen“ der Niedersächsischen Aids-Hilfe ins Leben gerufen und später von der Kampagne „SVeN“ („Schwule Vielfalt erregt Niedersachsen“) der Aids-Hilfe Hannover weitergeführt. Der Heidekönig soll für mehr Toleranz und Akzeptanz werben und zeigen, dass es auch ein „queeres“ Leben in der Kleinstadt und auf dem Land gibt. Dirk Ahrens ist der 13. Heidekönig.
Wie ein Politiker hat Dirk Ahrens seinem Volk 2014 ein Wahlversprechen gegeben. Für Lüneburgs Schwule wollte er wieder mehr Veranstaltungen auf die Beine stellen, denn seit dem Einstellen der Party im Vamos orientierten sich alle in Richtung Hamburg. Als schließlich SVeN in Lüneburg eingestellt wurde und es keine Gelder mehr gab, beschlossen Ahrens und sein Gefolge, den schwulen Heidekönig nicht sterben zu lassen. So übernahm er das Amt für ein weiteres Jahr. Seitdem zahlt er vieles aus eigener Kasse.
Für eine bessere Vernetzung unter Gleichgesinnten gründeten Dirk Ahrens und vier Mitstreiter im Oktober 2014 schließlich die „Lünegays“. Alle drei Monate organisiert die Gruppe inzwischen die schwul-lesbische Partynacht „Lünegay“, die alle drei Monate im Salon Hansen stattfindet. Rund 120 Leute kamen bisher immer, weiß Dirk Ahrens, nicht nur Schwule und Lesben, sondern auch die, die einfach in entspannter Atmosphäre Spaß haben und tanzen wollen. Die Lünegay-Partys sind der erste Schritt, um Schwule und Lesben aus dem Raum Lüneburg wieder rein in Lüneburger Clubs zu bringen. Und eines hat der Salon Hansen der Lünegay-Gruppe bestätigt: Die Partys laufen immer entspannt und friedlich ab.

Präsenz im Norden zeigen

Zu den Aufgaben des schwulen Heidekönigs gehört es, auch außerhalb Lüneburgs Präsenz zu zeigen. Anfangs im Namen von SVeN, später auf eigene Faust besuchte Dirk Ahrens mit seinem Adjutanten Wanja zahlreiche CSDs („Christopher Street Days“) im norddeutschen Raum, zum Beispiel in Aurich, Cloppenburg, Oldenburg oder Braunschweig und nahm am Schützenausmarsch in Hildesheim und Hannover teil. „Die CSD-Geschichten haben unheimlich Spaß gemacht“, erzählt er.
Für die Umzüge wird das obligatorische Cabrio gemietet, während das Königsgewand von Dirk Ahrens und Adjutant Wanja eher schlicht ist: Jedem König bleibt die Wahl des Gewandes selbst überlassen, und so kommt Dirk Ahrens einfach in Zimmermannskluft mit weißem Hemd, Weste und Schärpe daher. Der 48-Jährige mag es gerne unkompliziert, aber er erinnert sich auch an Vorgänger in aufwändigen Königsroben und einem Hofgefolge in kompletter Verkleidung, angelehnt an König Ludwig XIV.
Im Raum Lüneburg ist der schwule Heidekönig noch nicht so anerkannt, wie Dirk Ahrens es sich wünscht. Zwar fährt der Amtsträger traditionell jedes Jahr beim Festumzug auf dem Lüneburger Kopefest mit, doch Versuche, auch beim Heideblütenfest in Amelinghausen mitzuwirken, scheiterten zu seinem Bedauern bisher. Im Zusammenhang mit der Heidekönigin wird sein Amt immer noch häufig mit dem Amt des Heidebocks verwechselt, der aber nicht unbedingt schwul ist und lediglich als männliche Begleitung der Amelinghäuser Heidekönigin fungiert.
Doch der 48-Jährige ist nicht der Typ, der schnell aufgibt. Seit seinem Coming-Out fühlt er sich freier und selbstbewusster denn je und scheut keine Begegnung mehr. Und er findet es sinnvoll, wenn sich Gruppen und Vereine untereinander vernetzen, die ähnliche Interessen verfolgen. So ist es seiner Beharrlichkeit zu verdanken, dass inzwischen auch der Verein SchLau Lüneburg, ein lokales Schulaufklärungsprojekt zu den Themen sexuelle Orientierung und geschlechtliche Vielfalt, mit Lünegay kooperiert. „SchLau wollte erst keinen Kontakt zum schwulen Heidekönig“, erklärt Ahrens. SchLau organisierte im Mai vergangenen Jahres in Lüneburg zum Beispiel den Rainbow Flash auf dem Marktplatz, die Lünegays beteiligten sich. Eine Wiederholung ist geplant.

Seit an Seit mit Heideköniginnen

Und es scheint voranzugehen in Sachen Akzeptanz des schwulen Heidekönigs: Als erste Organisation hat vor kurzem das Technische Hilfswerk (THW) ihn und seinen Adjutanten zu seinem Neujahrsempfang eingeladen. Hier reihte er sich ein in eine Riege aus mehreren Heideköniginnen und der Eiskönigin. „Sowas wünsche ich mir noch mehr“, so Ahrens.
Auch wenn Dirk Ahrens selbst schon bunt verkleidet zu CSDs gegangen ist, will er darauf aufmerksam machen, dass es Schwule in jeder Gesellschaft gibt. „Im Fernsehen werden immer nur die schrillen und bunten Schwulen gezeigt.“ Doch man treffe sie überall, ob in der Bank oder hinterm Bäckertresen.
Das Amt als schwuler Heidekönig hat Dirk Ahrens nicht nur zu mehr Selbstbewusstsein verholfen und ihm neue Kontakte ermöglicht: Er konnte auch die Erfahrung machen, nirgendwo auf Intoleranz zu stoßen. Nur einmal in seinem Leben musste er sich mit „schwule Sau“ beschimpfen lassen, doch das ist eine unrühmliche Ausnahme. „Ich bin der Meinung, wenn man selbstbewusst auftritt, bietet man keine Angriffsfläche“, meint er. In seinem Amt möchte er auffallen und mitwirken, möglichst auch Neues anstoßen. In seinem Privatleben arbeitet er als Zierpflanzengärtner und führt ein eher ruhiges Singledasein. Ein Partygänger war er noch nie, doch Schwulenpartys bilden eine Ausnahme, denn hier trifft er gute Freunde.

Königswahl am 6. Mai

Am 6. Mai, auf der nächsten Lünegay-Party im Salon Hansen, soll nun der Nachfolger von Dirk Ahrens auserkoren werden. Es gibt bereits zwei junge Bewerber, weitere sind erwünscht. Wenn Dirk Ahrens das Amt abgibt, will er jedoch nicht die Füße hochlegen. „Ich werde den neuen Heidekönig mit betreuen, ihm Tipps geben und ihn begleiten“, sagt er. Die durch ihn geknüpften Kontakte sollen auch seinen Nachfolgern zugute kommen. Ein bisschen wehmütig schaut er jetzt schon auf seine Amtszeit zurück: „Man ist jemand anders als Heidekönig. Es ist eine tolle Erfahrung. In der Rolle zeige ich Gesicht und stehe da gerne im Mittelpunkt. Ich kann stolz sein, dass ich mit meiner Zurückhaltung so viel erreicht habe.“
Der bald abdankende Heidekönig ermutigt jeden, sich für das Amt zu bewerben. „Das Amt ist unpolitisch, denn auch mit Spaß lässt sich etwas erreichen. Mit zu viel Aktivismus kann man zu viel kaputt machen.“ Infos: www.luenegay.de (JVE)

Quelle und Informationen: http://www.stadtlichter.com/der-gemeinnuetzige-koenig/

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